09. Juni 2019
Wir genießen die Morgensonne und entscheiden uns, auf direktem Weg nach Tallinn zu fahren. Von unserem Quartier auch ist die Fahrtstrecke weniger als 200 Kilometer
Den Namen Tallinn trug die Stadt im Estnischen bereits seit der Eroberung durch den dänischen König Waldemar im Jahr 1219. Er wird üblicherweise abgeleitet von Taani-linn(a), was „Dänische Stadt“ heißt.




Hier wohnt jeder dritte Este (430.000) und man kommt nach 80km Seeweg bereits nach Helsinki.
Nach sehr wechselhafter Geschichte mit wechselnden Eroberern wurde am 24. Februar 1918 die selbständige Republik Estland ausgerufen.


Zwischen sowjetischer Altlast und digitaler Zukunft feiert Estland im vergangenen Jahr 100 Jahre Unabhängigkeit. In der Hauptstadt Tallinn ist der Übergang besonders offensichtlich.

Tallinn, die Hauptstadt am finnischen Meerbusen ist mittlerweile Welthauptstadt der Start-Up Unternehmen.
Das Land, das etwas kleiner ist als Niedersachsen, hatte sich am 24. Februar 1918 vom besitzergreifenden Nachbarn Russland losgesagt, temporär zumindest. Spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion jedoch geht das EU- und Nato-Land seinen eigenen Weg. Und das hat in der Hauptstadt Tallinn vor allem mit Start-Ups und Internet zu tun. Flächendeckend kostenloses Wlan, ein digitales Schul- und Wahlsystem und eine blühende Start-Up-Szene.

Wenn von der digitalen Start-Up-Szene die Rede ist, bezieht man sich noch immer gern auf das Vorzeigemodell Skype. Der Instant-Messaging-Dienst, der es lange vor der Regulierung der Roaming-Gebühren ermöglichte, dass man auch mit Freunden im Ausland länger als fünf Minuten sprechen konnte, ist mittlerweile 15 Jahre alt und macht einen Umsatz von zwei Milliarden Dollar. Die Erfolgsgeschichte soll nun abfärben. Zu den bekanntesten Start-Ups gehören heute Taxify, die europäische Antwort auf Uber. Oder Toggl, das Zeitmanagement-Tool. Wegen des digitalen Vordenkertums wird Tallinn überschwänglich als „Silicon Valley des Nordens“ angepriesen.
„Bei uns kann man alles online machen, außer Heiraten und eine Immobilie kaufen“.
Es geht um eine Änderung der Kultur; der Staat sollte sich weniger als Wächter über Informationen verstehen, sondern als Plattform für die Bürger. Deshalb treffen sich auch alle sechs Monate der Premier und die Vertreter der Start-Up-Szene, um sich auszutauschen.
Dank der „e-Residency“ kann man sich überall aufhalten, aber alle Behördenangelegenheiten online regeln. Jeder, der länger in Estland ist, kann die elektronische Identität erlangen. Für Unternehmen wie Nokia, Philips oder Ericsson und gerade Firmenneugründer ist E-Stonia deswegen ein Eldorado. Dazu heißt es, Esten könnten ihre Steuererklärung in fünf Minuten machen. Und für Unternehmen gilt eine 20-Prozent-Flat-Tax. Liberale Lässigkeit, von der Deutschland nur träumen kann.
Aber zurück zur Geschichte.
Fast die Hälfte der Stadtmauer und immerhin 26 der ehemals 40 Türme sind heute noch erhalten. Schon in der Sowjetunion wurde die Altstadt unter Denkmalschutz gestellt – Tallinn war die erste Stadt derer, die diesen Schutz erhielt.

1997 wurden die 16 Meter hohe Stadtmauer und die Altstadt mit ihren schiefen Kaufmannshäusern und dem lückenlosen Kopfsteinpflaster von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

1346 verkaufte der dänische König Tallin, das damals noch Reval hieß, an den Deutschen Orden. Die Stadt trat der Hanse bei, der mächtigen Vereinigung der Kaufleute in Nordeuropa.
Sie wurde zur wichtigsten Stadt des Osthandels – und damit reich. Die Stadt erwarb viele Privilegien und hatte mächtige Bürger, vor allem deutsche Kaufleute.
Am 9. März 1944 erfolgte ein schwerer sowjetischer Luftangriff. Es wurden 11 Prozent der Altstadt zerstört und 600 Tote gezählt.
Den 2.- 4. Luftangriff konnte die zu Hilfe geeilte finnische Armee abwenden. Das rette Tallinn vor der kompletten Zerstörung und führte zu einer bis heute andauernden Freundschaft zu Finnland.

Blick „Richtung“ Helsinki
Diese Partnerschaft geht soweit, das man bereits über Talsinki oder Helinn nachdenkt. Es soll der weltgrößte Tunnel entstehen. Es soll der längste Eisenbahntunnel der Welt werden, der unter Wasser verläuft: Das Mammutprojekt „FinEst Link“ zwischen Finnland und Estland. Pläne und eine Machbarkeitsstudie zu diesem einzigartigen Bauvorhaben wurden vorgestellt. Der Tunnel könne bis zu seiner Eröffnung 2040 bis zu 20 Milliarden Euro kosten. 2040 soll er dann auch für den Verkehr freigegeben werden. So wollen sich die beiden nördlichen Hauptstädte Helsinki und Tallinn, die sich auf den gegenüberliegenden Seiten des Finnischen Meerbusens befinden, dauerhaft unter Wasser verbinden. Die jahrelangen Untersuchungen und Studien wurden nun abgeschlossen.

Der Tunnel würde die Flughäfen der Städte verbinden. In einem nächsten Schritt könnte er an die Rail Baltica – einer Eisenbahnverbindung zwischen Tallinn und Warschau, die im Jahr 2026 fertiggestellt werden soll – angeschlossen werden.
Den Nachmittag haben wir uns am Strand von Kopli verbracht. Ein wunderbarer Ort mit vielen Kitern und Naherholung für jedermann.



Die Esten haben auch eine stadtnahe Markthalle. Dort gibt es genau die Kombi zwischen kaufen und genießen, die wir in Riga vermisst haben.


